Positionspapier

10 Grundsätze zur Stadtbaukunst heute

disku­tiert auf der Kon­ferenz zur Schön­heit und Lebens­fähigkeit No. 1, ver­anstal­tet in Düs­sel­dorf am 11. und 12. März 2010. Her­aus­gegeben vom Deutschen Insti­tut für Stadt­baukun­st im April 2010.

PRÄAMBEL

In Deutsch­land entste­hen kaum Stadtquartiere, die wie die soge­nan­nten Alt­bauquartiere von einem Großteil der Bevölkerung als all­t­agstauglich, wertvoll und schön emp­fun­den wer­den. Dies geschieht trotz der seit ein­er Gen­er­a­tion weit ver­bre­it­eten Kri­tik an den funk­tion­stren­nen­den, verkehrszen­tri­erten und stad­tau­flösenden Pla­nungsmod­ellen der Avant­garde­mod­erne und trotz ein­er his­torisch beispiel­los umfan­gre­ichen Pla­nungs­ge­set­zge­bung mit Bürg­er­beteili­gung.

Um die Ursachen für dieses Defiz­it her­auszuar­beit­en und eine Pla­nungs- und Baukul­tur zu befördern, die in Zukun­ft die Erhal­tung, Verbesserung und Errich­tung von städtis­chen Quartieren mit ein­er hohen Gestalt- und Leben­squal­ität ermöglicht, haben sich in Düs­sel­dorf Vertreter der Fachdiszi­plinen, der Wis­senschaft, der Poli­tik, der Ver­wal­tung, des Kul­turlebens, der Medi­en und der Öffentlichkeit getrof­fen und 10 Grund­sätze zur Stadt­baukun­st disku­tiert.

Das Insti­tut für Stadt­baukun­st wird zu den einzel­nen The­men­bere­ichen Fachkon­feren­zen durch­führen und konkrete Maß­nah­menkat­a­loge in Experten­grup­pen erar­beit­en, um Verän­derun­gen in der Stad­ten­twick­lung­sprax­is in Deutsch­land zu bewirken. Wir laden alle Inter­essierten ein, an den Fachkon­feren­zen teilzunehmen und die Umset­zung dieser Grund­sätze zu befördern.

ZIEL

Das Leit­bild jeglich­er städte­baulichen Pla­nun­gen in Deutsch­land muss das eines nach­halti­gen, dauer­haften und schö­nen Bauens sein. Für die ländlichen Bere­iche bedeutet dies, durch Bau­maß­nah­men den Charak­ter der jew­eili­gen Kul­tur­land­schaft zu stärken. Für die Stadt aber muss eine umfassende, dem jew­eili­gen Ort angemessene Urban­ität das Ziel sein. Eine solche Urban­ität ist in der Notwendigkeit begrün­det, aus ökol­o­gis­chen Grün­den jegliche Bautätigkeit vor der Stadt zu min­imieren. Jedes inner­städtis­che Bauw­erk muss als Baustein der Stadt dauer­haft und schön sein, um auf diese Weise eine qual­itätvolle und zukun­fts­fähige städtis­che Umwelt zu schaf­fen.

Städte in Deutsch­land müssen in Zukun­ft umfassend urban sein. Dies bedeutet: Sie müssen architek­tonisch wohl gestal­tete öffentliche Räume aufweisen, aus kon­textbe­zo­ge­nen Häusern mit ansprechen­den Fas­saden beste­hen, von ein­er quartier­sangemesse­nen Dichte und Funk­tion­s­mis­chung geprägt sein, durch Fußläu­figkeit eine hohe Leben­squal­ität gewährleis­ten, für bre­ite soziale Schicht­en unter­schiedlich­er Herkun­ft offen ste­hen, von ein­er engagierten Bürg­er­schaft gefördert wer­den, von ein­er vielfälti­gen und orts­be­zo­ge­nen Wirtschaft getra­gen wer­den, sich durch ein reich­haltiges Kul­turleben ausze­ich­nen und in ein­er kon­trastre­ichen Beziehung zur umgeben­den Land­schaft ste­hen.


10 GRUNDSÄTZE ZUR STADTBAUKUNST HEUTE

1. STADTTHEORIE

Komplexität statt Reduktion

Stadt­baukun­st muss alle Aspek­te der Stadt umfassen und ihnen Gestalt geben. Städte lassen sich nicht auf einzelne Aspek­te und deren Bewäl­ti­gung durch einzelne Diszi­plinen reduzieren.

2. STADTBILD

Städtebau statt Fachplanung

Das Stadt­bild entste­ht aus der bewussten Anord­nung und Gestal­tung städtis­ch­er Bauw­erke und bedarf eines auf dauer­hafte Schön­heit bedacht­en Städte­baus. Die Ver­nach­läs­si­gung des überkomme­nen Stadt­bildes in der Stadt­pla­nung, die durch die Tren­nung der unter­schiedlichen Pla­nungs­bere­iche verur­sacht wird, ver­hin­dert die Entwick­lung umfassend qual­itätvoller Leben­sorte.

3. STADTARCHITEKTUR

Gebautes Ensemble statt individualistischer Eventarchitektur

Städtis­che Architek­tur muss Ensem­bles mit aus­druck­sre­ichen Fas­saden bilden und ein gegliedertes Ganzes von zusam­men­hän­gen­der Tex­tur und Sub­stanz schaf­fen. Auss­chließlich indi­vid­u­al­is­tis­che Eventar­chitek­tur löst den städtis­chen Zusam­men­hang und die Ver­ständlichkeit des öffentlichen Raums auf.

4. STADTGESCHICHTE

Langfristige Stadtkultur statt kurzfristiger Funktionserfüllung

Städte­bau ist eine kul­turelle Tätigkeit, die auf his­torisch­er Erfahrung und Bil­dung auf­baut. Vorge­blich wis­senschaftliche Mod­elle und spon­tan ver­fasste Leit­bilder wie beispiel­sweise die “verkehrs­gerechte Stadt” verken­nen den langfristi­gen und umfassenden Charak­ter der Stadt.

5. STADTIDENTITÄT

Denkmalpflege statt Branding

Die Iden­tität der Stadt entste­ht durch ihre langfristige Geschichte sowie die Pflege ihrer Denkmäler, ihres Stadt­grun­driss­es und ihrer Baukul­tur. Indi­vid­u­al­is­tis­ches Brand­ing ver­leugnet die beste­hen­den Eigen­heit­en des Ortes und leis­tet dem Iden­titätsver­lust im Zeital­ter der Glob­al­isierung Vorschub.

6. STADTGESELLSCHAFT

Stadtquartier statt Wohnsiedlung und Gewerbepark

Das Stadtquarti­er mit Funk­tion­s­mis­chung und architek­tonisch gefassten Räu­men bildet das Grun­dele­ment der auf vielfälti­gen Lebensweisen beruhen­den Stadt. Mono­funk­tionale Sied­lun­gen sowie Einkaufs- und Gewer­beparks vor der Stadt zer­stören die Urban­ität und ver­hin­dern die Iden­ti­fika­tion der Stadt­ge­sellschaft mit ihrer Stadt.

7. STADTPOLITIK

Stadtbürger als Gestalter statt anonymer Immobilienwirtschaft

Städtis­ches Bauen soll vor allem von ver­ant­wor­tungs­be­wussten Bürg­ern als kün­fti­gen Nutzern getra­gen wer­den und auf einem gle­ich­berechtigten Zugang zu einem auf der Parzelle gegrün­de­ten Boden­markt beruhen. Insti­tu­tionelle Bauträger wie öffentliche Woh­nungs­bauge­sellschaften oder Immo­bilien­fonds ohne langfristiges Inter­esse an der Qual­ität des Ortes schaf­fen keine guten Stadt­baut­en.

8. STADTÖKONOMIE

Einzelhandel statt Ketten

Die Stadtökonomie sollte stärk­er vom diver­si­fizierten inner­städtis­chen Einzel­han­del und Gewerbe getra­gen wer­den. Allein Großket­ten und aus­ge­lagerte Groß­be­triebe machen die Stadtökonomie krise­nan­fäl­liger und ver­nicht­en urbane und selb­st­bes­timmte Arbeit­splätze.

9. STADTVERKEHR

Stadtstraßen statt Autoschneisen

Stadt­straßen sind vielfältige und wohlgestal­tete Aufen­thalt­sräume, die neben den ver­schiede­nen Arten des Verkehrs auch dem Einkaufen, dem Spazieren, dem sozialen Kon­takt, der poli­tis­chen Man­i­fes­ta­tion und dem Vergnü­gen dienen. Mono­funk­tionale Autoschneisen und Fußgänger­zo­nen zer­stören die Stadt.

10. STÄDTISCHE UMWELT

Nachhaltig bauen statt schnell verpacken

Die Nach­haltigkeit der städtis­chen Umwelt entste­ht durch umfassende und solide Dauer­haftigkeit und Urban­ität. Die Reduk­tion der notwendi­gen Energieeinsparungs­maß­nah­men auf ölbasierte Wärmedäm­mver­pack­un­gen und solitäre Energiehäuser schafft die Umwelt­prob­leme von mor­gen.